75 km in 18 Stunden: Ist das wirklich der ideale Schritt von 50 auf 100 km?

Was das neue Megamarsch-Format körperlich, taktisch und mental verändert

50 Kilometer geschafft.

Vielleicht sogar schon mehrmals.

Aber 100 Kilometer wirken trotzdem noch wie eine völlig andere Aufgabe.

Genau zwischen diesen beiden Distanzen führt Megamarsch ab 2027 ein neues Format ein:

75 Kilometer in maximal 18 Stunden.

Megamarsch hat das 75/18-Format am 27. August 2026 angekündigt. Der Veranstalter beschreibt die neue Distanz ausdrücklich als den „perfekten Zwischenschritt“ auf dem Weg zum ersten 100-km-Megamarsch und als „idealen Test“ für zukünftige 100-km-Finisher. Megamarsch

Das klingt zunächst logisch:

50 km → 75 km → 100 km.

Aber ist diese Abstufung auch wissenschaftlich als optimal belegt?

Die kurze Antwort lautet:

Nein. 75 km können eine sehr sinnvolle spezifische Zwischenetappe sein. Wissenschaftlich ist aber weder gezeigt, dass sie die optimale Zwischenstufe sind, noch dass man sie absolvieren muss, bevor man sich auf 100 km vorbereitet.

Genau diese Trennung zwischen Veranstalteraussage, Wissenschaft und praktischem Transfer ist für den Beitrag entscheidend.


Was wissen wir über das neue 75/18-Format?

Für 2027 sind aktuell drei Veranstaltungen veröffentlicht:

VeranstaltungTermin
Ruhrgebiet24.–25.07.2027
Hamburg07.–08.08.2027
Berlin21.–22.08.2027

Alle drei offiziellen Veranstaltungsseiten nennen 75 Kilometer in 18 Stunden und einen Start ab 15:00 Uhr. Die Öffnungszeiten der Stationen und des Ziels werden nach Angaben des Veranstalters an einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4,2 bis 6 km/h ausgerichtet. Megamarsch

Wichtig:

4,2 bis 6 km/h sind damit eine organisatorische Planungsgröße des Veranstalters – keine wissenschaftlich optimale Gehgeschwindigkeit.

Für die Strecke sind vier Verpflegungsstationen vorgesehen, laut Megamarsch ungefähr alle 15 bis 20 Kilometer. Die endgültige Strecke soll etwa zwei Wochen vor der Veranstaltung veröffentlicht werden und kann sich kurzfristig noch ändern. Megamarsch

Das neue Format läuft parallel zum bestehenden 50/12-Nachtformat. Der Start um 15 Uhr bedeutet zugleich, dass je nach individueller Geschwindigkeit ein erheblicher Teil des Marsches in die Dunkelheit fällt. Megamarsch

Damit steht bereits fest:

75/18 ist nicht einfach ein um 25 Kilometer verlängerter 50-km-Tagesmarsch.


18 Stunden sind ein echtes Zeitbudget

75 Kilometer in 18 Stunden entsprechen rechnerisch einem durchschnittlichen Bruttotempo von etwa 4,17 km/h.

Brutto bedeutet hier: Für deine persönliche Planung müssen auch Pausen in das 18-Stunden-Fenster passen.

Je länger du insgesamt pausierst, desto höher muss dein durchschnittliches Tempo während der tatsächlichen Gehzeit sein:

gesamte Pausenzeitverbleibende Gehzeitrechnerischer Geh-Durchschnitt
0 Stunden18 h4,17 km/h
1 Stunde17 h4,41 km/h
2 Stunden16 h4,69 km/h
3 Stunden15 h5,00 km/h

Diese Werte sind Rechenbeispiele und keine Tempoempfehlungen.

Denn zum realen Zeitbudget gehören auch:

  • Verpflegungsstationen,
  • Toilettengänge,
  • Fußpflege,
  • Kleidungswechsel,
  • Orientierung,
  • ungeplante Probleme.

Außerdem sind am Veranstaltungstag die konkreten Öffnungs- und Schließzeiten der Verpflegungsstationen maßgeblich. Diese werden mit dem jeweiligen Event-Booklet bekanntgegeben. Megamarsch

Zeitmanagement ist bei 75 km deshalb nicht nur eine Frage des Gehtempos, sondern auch der Pausen.

GRAFIK 1: 75 km in 18 Stunden – Dein echtes Zeitbudget


Sind 75 km einfach „50 km plus 25“?

Rechnerisch ja.

Physiologisch und taktisch ist das zu einfach.

Je länger eine Belastung dauert, desto länger müssen verschiedene Systeme und Strategien funktionieren:

  • Muskulatur und Bewegungsapparat,
  • Füße, Schuhe und Socken,
  • Energie- und Flüssigkeitsversorgung,
  • Pacing,
  • Aufmerksamkeit und Orientierung,
  • Temperaturregulation,
  • Problemlösung.

Es gibt dabei keinen magischen Kilometer, an dem plötzlich eine neue Physiologie beginnt.

Aber:

Mit zunehmender Belastungsdauer steigt die Zeit, in der Ermüdung, Druckstellen, Verpflegungsprobleme oder taktische Fehler entstehen und sich verstärken können.

GRAFIK 2: 50 → 75 → 100 km: Was verändert sich wirklich?


Was wissen wir wissenschaftlich über sehr langes Gehen?

Direkte Forschung zum neuen Megamarsch 75/18 kann es noch nicht geben – die erste Austragung ist für 2027 geplant.

Es existiert aber Forschung zu sehr langen Gehbelastungen.

Eine besonders interessante Untersuchung stammt aus dem Mammutmarsch-Umfeld. Für eine Studie über 100-km-Gehmärsche innerhalb von 24 Stunden wurden 43 gesunde Freizeitsportlerinnen und Freizeitsportler rekrutiert. Je nach erreichtem Messpunkt standen für einzelne Analysen weniger vollständige Datensätze zur Verfügung. PubMed

Obwohl die gemessene Belastungsintensität niedrig war, zeigten sich Veränderungen verschiedener physiologischer Marker.

Die Autoren sahen Hinweise darauf, dass die sehr lange Belastungsdauer eine wichtige Rolle für die beobachteten Stress- und Stoffwechselreaktionen spielte. PubMed

Daraus darf man allerdings weder ableiten:

„Belastungsdauer ist immer wichtiger als Intensität.“

noch:

„Ab 75 Kilometern tritt eine bestimmte physiologische Reaktion ein.“

Die angemessene Schlussfolgerung lautet:

Auch sehr langes Gehen bei niedriger Intensität kann eine ausgeprägte physiologische Belastung darstellen. Eine wissenschaftliche 75-km-Schwelle lässt sich daraus nicht ableiten.


Warum können 75 km trotzdem eine sinnvolle Zwischenstufe sein?

Hier ist das Trainingsprinzip der Spezifität relevant.

Spezifität bedeutet vereinfacht, dass körperliche Anpassungen davon abhängen, welche Art von Belastung tatsächlich trainiert wird. Trainingsmodus und Aufgabenanforderungen beeinflussen also, welche Anpassungen entstehen. PubMed

Eine sehr lange Gehbelastung bildet deshalb bestimmte Anforderungen eines 100-km-Marsches spezifischer ab als eine deutlich kürzere Belastung.

Das bedeutet aber ausdrücklich nicht:

„75 km sind deshalb automatisch die optimale Vorbereitung.“

Praktisch können 75 km beispielsweise erstmals beantworten:

  • Wie reagieren meine Füße deutlich jenseits der 50-km-Marke?
  • Funktioniert meine Verpflegung auch nach vielen Stunden?
  • Wie verändert sich mein Tempo unter zunehmender Ermüdung?
  • Wie komme ich mit einem längeren Nachtabschnitt zurecht?
  • Wie funktionieren Pausen und Zeitmanagement?
  • Wie erhole ich mich anschließend?

Spezifischer bedeutet also nicht automatisch optimal – aber es kann zusätzliche Erfahrung liefern.


Bin ich bereit für 75 km?

Einen wissenschaftlich validierten „Ready-for-75“-Test gibt es nicht.

Einige Fragen können aber helfen, die eigene Ausgangslage strukturierter einzuschätzen.

Belastungserfahrung

  • Habe ich 50 km bereits kontrolliert bewältigt?
  • Oder war das Finish nur mit deutlich zunehmenden Problemen möglich?

Füße

  • Funktionieren Schuhe und Socken über viele Stunden?
  • Kenne ich meine typischen Druckstellen?

Verpflegung

  • Kann ich auch spät in einer langen Einheit noch essen?
  • Habe ich meine geplante Verpflegung bereits unter Belastung getestet?

Tempo

  • Kann ich ein eigenes kontrolliertes Tempo halten?
  • Oder lasse ich mich regelmäßig von schnelleren Gruppen mitziehen?

Nacht

  • Habe ich Erfahrung mit Stirnlampe, Dunkelheit und Orientierung?

Erholung

  • Wie reagiere ich in den Tagen nach einer langen Belastung?
  • Kehre ich erwartbar in meinen Alltag zurück oder bleiben erhebliche Beschwerden?

Gesundheit

  • Gibt es wiederkehrende Schmerzen oder andere ungelöste Probleme?

Keine dieser Antworten garantiert ein 75-km-Finish. Die Fragen helfen lediglich, die eigene Ausgangslage besser einzuschätzen als die bloße Feststellung „50 km habe ich geschafft“.


Ein 50-km-Finish ist keine automatische 75-km-Freigabe

Zwei Menschen können beide 50 Kilometer gefinisht haben und trotzdem sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen.

Person A:

  • kontrolliertes Tempo,
  • Essen und Trinken funktionieren,
  • Füße weitgehend unauffällig,
  • keine zunehmenden Beschwerden,
  • erwartbare Erholung.

Person B:

  • massive Fußprobleme,
  • deutlicher Tempoeinbruch,
  • Probleme mit der Verpflegung,
  • zunehmende Schmerzen,
  • ungewöhnlich lange Erholung.

Beide können sagen:

„Ich habe 50 km geschafft.“

Die wichtigere Frage lautet jedoch:

„Wie habe ich diese 50 km bewältigt und verarbeitet?“

Das ist keine medizinische oder wissenschaftlich validierte Freigabeentscheidung.

Aber für die Trainingspraxis enthält diese Frage wesentlich mehr Informationen.

GRAFIK 3: Bin ich bereit für 75 km? – Orientierung, kein Freigabetest


Pacing: Bei 75 km zählt die Belastungseinteilung

Pacing bezeichnet die Einteilung von Geschwindigkeit beziehungsweise Anstrengung über eine Strecke.

Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Netzwerk-Meta-Analyse untersuchte 24 Studien mit 302 Teilnehmern und 765 Beobachtungen. Verglichen wurden unterschiedliche vorgegebene Pacingstrategien mit selbstgewähltem Pacing in Ausdauersportarten wie Laufen, Radfahren und Schwimmen. Keine der untersuchten vorgegebenen Strategien zeigte insgesamt einen konsistenten Leistungsvorteil gegenüber selbstgewähltem Pacing. PubMed

Für 75/18 ist das allerdings nur indirekte Evidenz:

  • keine der Studien untersuchte einen 75-km-Marsch,
  • die untersuchten Belastungen waren deutlich kürzer.

Deshalb lässt sich daraus keine optimale Gehgeschwindigkeit für 75 km ableiten.

Die evidenzinformierte Aussage lautet:

Für 75 km erscheint es sinnvoll, Tempo und Anstrengung an die eigene Leistungsfähigkeit, das Streckenprofil, Wetterbedingungen und den bisherigen Belastungsverlauf anzupassen. Eine wissenschaftlich validierte Universalgeschwindigkeit existiert nicht.

Auch hier gilt:

Die von Megamarsch genannten 4,2–6 km/h sind ein organisatorischer Zeitkorridor, kein wissenschaftliches Pacing-Rezept. Megamarsch


Warum der Start entscheidend sein kann

Auf den ersten Kilometern fühlen sich 75 km noch nicht wie 75 km an.

Beine frisch.

Motivation hoch.

Viele andere Teilnehmer um dich herum.

Genau deshalb kann es praktisch sinnvoll sein, nicht einfach das Tempo der Gruppe zu übernehmen.

Nicht weil eine bestimmte Startgeschwindigkeit wissenschaftlich vorgeschrieben wäre.

Sondern weil die relevante Frage lautet:

Welches Belastungsniveau kann ich voraussichtlich über viele Stunden kontrollieren?


Start um 15 Uhr: Wetter, Kleidung und Nacht zusammendenken

Die bisher veröffentlichten 75/18-Termine liegen im Juli und August und starten jeweils um 15 Uhr. Megamarsch

Welche Temperatur oder Wetterlage 2027 tatsächlich herrschen wird, lässt sich heute selbstverständlich nicht vorhersagen.

Sicher ist lediglich:

Über viele Stunden können sich die Bedingungen deutlich verändern.

Deshalb sollte die Bekleidung nicht allein nach der Situation am Start ausgewählt werden.

Relevant können – abhängig vom tatsächlichen Wetter – sein:

  • Sonne und UV-Belastung,
  • Wärme,
  • Wind,
  • Regen,
  • sinkende Temperaturen im späteren Verlauf.

Die konkrete Ausrüstung sollte daher erst anhand der kurzfristigen Wetterprognose festgelegt werden.


Nacht ist eine zusätzliche Aufgabe – aber nicht automatisch Schlafentzug

Ein Start ab 15 Uhr führt einen Teil des Events in die Dunkelheit. Megamarsch

Wichtig ist die Differenzierung:

Nachts zu gehen ist nicht automatisch dasselbe wie experimenteller Schlafentzug.

Trotzdem liefert die Schlaf-Forschung relevante Hintergrundinformationen.

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse von 31 Studien und 478 Personen fand im Mittel einen negativen Effekt von Schlafentzug auf die Ausdauerleistung. PubMed

Diese Untersuchungen bilden einen Megamarsch 75/18 jedoch nicht direkt ab.

Zusätzlich untersuchte eine 2026 veröffentlichte systematische Review 16 Studien mit Daten von 1.389 Ultra-Ausdauerathleten. Die Ergebnisse zeigen komplexe Zusammenhänge zwischen Schlaf, Schläfrigkeit sowie körperlicher und kognitiver Leistungsfähigkeit. Eine einfache universelle Schlafregel lässt sich daraus nicht ableiten. PubMed

Für 75/18 ist deshalb folgende Trennung sinnvoll:

Wissenschaftlich gut begründbar: Schlafmangel kann Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.

Praxistransfer: Es kann sinnvoll sein, Stirnlampe, Orientierung, Kleidung und das eigene Empfinden beim Gehen in Dunkelheit vorab kennenzulernen.

Nicht belegt: Dass spezielles Nachttraining automatisch die 75-km-Leistung verbessert.


Verpflegung: Mehr Stunden bedeuten längere Anforderungen

Mit zunehmender Belastungsdauer muss Verpflegung nicht nur Energie liefern.

Sie muss auch:

  • verträglich bleiben,
  • verfügbar sein,
  • praktisch zu essen sein,
  • selbst nach vielen Stunden noch funktionieren.

Eine Meta-Analyse von 136 Studien zeigte im Mittel Leistungsverbesserungen durch Kohlenhydratzufuhr während Ausdauerbelastungen; der Effekt war bei längerer Belastungsdauer größer. PubMed

Auch hier gilt:

Diese Daten stammen überwiegend nicht aus Langstreckenwanderevents.


Was bedeuten 30–50 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde?

Ein Positionspapier der International Society of Sports Nutrition, kurz ISSN, nennt für eintägige Ultramarathonläufer während des Wettkampfs unter anderem etwa 30–50 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde. PubMed

Diese Zahl darf nicht zu einer pauschalen 75-km-Wanderregel gemacht werden.

Denn sie stammt aus dem Ultra-Laufsport.

Laufen und langes Gehen unterscheiden sich unter anderem hinsichtlich:

  • Intensität,
  • Geschwindigkeit,
  • Energieumsatz,
  • Magen-Darm-Belastung,
  • Gesamtdauer.

Deshalb lautet die korrekte Einordnung:

30–50 g/h sind eine Orientierung aus dem Ultra-Laufsport – keine wissenschaftlich validierte Zielmenge für jeden 75-km-Wanderer.


Was bedeutet „Gut Training“?

„Gut“ ist das englische Wort für Darm.

Mit Gut Training ist gemeint, den Magen-Darm-Trakt wiederholt an die geplante Nahrungszufuhr während Belastung zu gewöhnen.

Eine systematische Übersichtsarbeit von 2023 untersuchte Studien zu solchen wiederholten Ernährungsbelastungen. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Gut Training beziehungsweise wiederholte Nahrungszufuhr unter Belastung bei manchen Personen Magen-Darm-Beschwerden oder die Verarbeitung von Kohlenhydraten verbessern kann. Die Evidenzbasis ist allerdings noch klein und heterogen. PubMed

Für einen Marschteilnehmer lautet die praktische Botschaft daher:

Was du bei Kilometer 50 oder 60 essen möchtest, sollte möglichst nicht erstmals am Eventtag ausprobiert werden.


Trinken: 75 km bedeuten nicht „möglichst viel“

Die belastungsassoziierte Hyponatriämie, kurz EAH (exercise-associated hyponatremia), bezeichnet eine während oder bis 24 Stunden nach längerer Belastung auftretende zu niedrige Natriumkonzentration im Blut. PubMed

Ein zentraler vermeidbarer Risikofaktor ist Übertrinken.

Die Wilderness Medical Society empfiehlt deshalb, übermäßige Flüssigkeitszufuhr zu vermeiden. Für viele Menschen kann das Durstgefühl eine sinnvolle Orientierung sein; unter besonderen Bedingungen können individualisierte Strategien erforderlich sein. PubMed

Das bedeutet weder:

„Trinke möglichst wenig.“

noch:

„Trinke jede Stunde exakt X Milliliter.“

Der Bedarf variiert unter anderem mit:

  • Schweißrate,
  • Belastungsdauer,
  • Belastungsintensität,
  • Wetter,
  • Kleidung,
  • individuellen Eigenschaften.

Auch zusätzliche Salzaufnahme verhindert eine EAH nicht zuverlässig, wenn weiter übermäßig getrunken wird. PubMed


Füße: 75 km verlängern die Expositionszeit

Bei Wanderern gehören Fußblasen und Sprunggelenksverletzungen zu den häufig dokumentierten Problemen.

Eine systematische Übersichtsarbeit schloss sieben Wanderstudien mit insgesamt 17.757 medizinisch dokumentierten verletzten Wanderern ein. Die unteren Extremitäten waren in allen eingeschlossenen Wanderstudien die häufigste verletzte Körperregion; Blasen und Sprunggelenksverstauchungen gehörten zu den häufigen Verletzungsarten. PubMed

Diese Zahlen sagen nicht, wie hoch das persönliche Blasenrisiko bei Megamarsch 75/18 ist.

Ebenso wenig ist quantifiziert, wie stark das Risiko von 50 auf 75 km steigt.

Plausibel ist lediglich:

Längere Gehzeit setzt Füße, Schuhe und Socken länger denselben mechanischen und klimatischen Bedingungen aus.


Was passiert, wenn ich die 75 km nicht schaffe?

Das ist eine wichtige Besonderheit des neuen Formats.

Megamarsch gibt an:

  • ab der zweiten Verpflegungsstation gibt es bei einem Abbruch bereits eine Urkunde,
  • die 75-km-Medaille gibt es beim 75-km-Finish,
  • wer sich vorab für 75 km entschieden hat, kann nach 50 km nicht einfach auf die 50/12-Wertung wechseln. Megamarsch

Deshalb sollte man vor der Anmeldung wissen:

75 km gebucht bedeutet nicht: 50 km werden automatisch zu einer alternativen 50/12-Ziellinie.


Plane auch einen Plan B

Nicht nur die Frage

„Wie komme ich ins Ziel?“

ist wichtig.

Sondern auch:

„Was mache ich, wenn ich nicht weitergehen kann?“

Vor dem Start sollte anhand des aktuellen Event-Booklets geklärt werden:

  • Wo liegen die endgültigen Verpflegungsstationen?
  • Welche Ausstiegsmöglichkeiten gibt es?
  • Wie komme ich zurück?
  • Kann mich jemand abholen?
  • Welche öffentlichen Verkehrsmittel stehen zur Verfügung?
  • Ist mein Handy ausreichend geladen?
  • Sind relevante Veranstalter- und Notfallkontakte gespeichert?

Die Veranstalterseiten weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Strecke etwa zwei Wochen vorher veröffentlicht wird und kurzfristige Änderungen möglich sind. Megamarsch

Das jeweilige Event-Booklet hat deshalb immer Vorrang vor allgemeinen Blogempfehlungen.


Was wissen wir über die muskuläre Beanspruchung?

Eine kleine Studie mit lediglich neun Freizeithikern untersuchte einen 100-km-Hügelmarsch.

Unter anderem nahmen Muskelkater und verschiedene Marker muskulärer Beanspruchung zu; zudem veränderte sich zeitweise der Bewegungsumfang von Hüfte und Knie. PubMed

Die Aussagekraft für 75/18 ist klar begrenzt:

  • kleine Stichprobe,
  • 100 km statt 75 km,
  • hügeliges Profil,
  • anderes Belastungsformat.

Zusammen mit der größeren 100-km-Marschstudie unterstützt sie dennoch die zurückhaltende Aussage:

Sehr lange Gehbelastungen können eine erhebliche muskuläre und systemische Beanspruchung erzeugen – auch bei moderatem Gehtempo.


Welche psychologischen und kognitiven Anforderungen können zunehmen?

Megamarsch spricht in seiner Ankündigung von einer neuen „mentalen Herausforderung“ und intensiveren Grenzerfahrung. Megamarsch

Das ist eine Veranstalterbeschreibung.

Eine wissenschaftlich definierte Distanz, ab der ein Marsch zu einer besonderen „mentalen Herausforderung“ wird, gibt es nicht.

Wissenschaftlich greifbarer sind konkrete Faktoren:

  • subjektives Anstrengungsempfinden,
  • Müdigkeit,
  • Dunkelheit,
  • Aufmerksamkeit,
  • Umgang mit Beschwerden,
  • Entscheidungen unter Ermüdung,
  • Motivation über viele Stunden.

Die Schlaf- und Ultra-Ausdauerforschung unterstützt, dass Müdigkeit und Schlafmangel körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit beeinflussen können. Wie stark das bei einem individuellen 75/18-Marsch wirkt, lässt sich daraus jedoch nicht exakt ableiten. PubMed

75 km können also Erfahrung mit sehr langer Belastung vermitteln – aber keinen wissenschaftlich validierten „Mentaltest“ für 100 km darstellen.


Wie viele Pausen sind sinnvoll?

Für einen 75-km-Marsch existiert keine wissenschaftlich validierte Universalformel für Anzahl oder Länge der Pausen.

Pausen können konkrete Funktionen erfüllen:

  • essen und trinken,
  • Füße kontrollieren,
  • Druckstellen behandeln,
  • Kleidung anpassen,
  • notwendige Erholung.

Gleichzeitig gehen sie in das 18-Stunden-Zeitbudget ein.

Deshalb lautet die evidenzinformierte Empfehlung:

Pausen funktional planen und in das persönliche Zeitbudget einbeziehen – nicht nach einer vermeintlich wissenschaftlichen Kilometerformel.


Und was passiert nach dem Ziel?

75 Kilometer enden trainingspraktisch nicht an der Ziellinie.

Auch die Frage

„Wie habe ich die Belastung in den folgenden Tagen verarbeitet?“

liefert relevante Informationen.

Eine 2026 veröffentlichte Netzwerk-Meta-Analyse untersuchte 16 randomisierte Studien mit 273 wettkampforientierten beziehungsweise Elite-Ausdauerathleten. Für die untersuchten physikalischen Recovery-Verfahren zeigte sich kein robuster allgemeiner Vorteil gegenüber passiver Erholung; für viele Vergleiche war die Sicherheit der Evidenz niedrig oder sehr niedrig. PubMed

Eine Umbrella Review von 2024 mit 22 Reviews, 63 Primärstudien und 1.100 Ausdauerathleten kam ebenfalls zu dem Schluss, dass keine einzelne Recovery-Strategie konsistente Vorteile zeigt. Einzelne Ergebnisse für Kompression oder Kälteanwendungen waren positiv, reichten aber nicht für eine allgemeine Empfehlung. PubMed

Wichtig ist die Transfergrenze:

Diese Studien wurden nicht speziell an Freizeitwanderern nach einem 75-km-Marsch durchgeführt.

Deshalb lautet die vorsichtige Aussage:

Für keine einzelne Recovery-Methode besteht derzeit eine ausreichend konsistente Evidenz, um sie nach 75 km allgemein als überlegen zu empfehlen.

Praktisch kann man in den Tagen danach unter anderem beobachten:

  • normale Gehfähigkeit,
  • Muskelkater,
  • lokale Schmerzen,
  • allgemeine Müdigkeit,
  • Schlaf,
  • Appetit,
  • Rückkehr zum normalen Alltag.

Das ist keine validierte Freigabe-Checkliste, sondern eine strukturierte Selbstbeobachtung.


Bedeutet ein 75-km-Finish, dass ich bereit für 100 km bin?

Nein.

Ein 75-km-Finish kann sehr wertvolle Informationen liefern:

  • Funktioniert mein Pacing?
  • Funktioniert meine Verpflegung?
  • Wie reagieren meine Füße?
  • Wie komme ich mit Dunkelheit und Müdigkeit zurecht?
  • Wie gut erhole ich mich anschließend?

Aber:

Ein 75-km-Finish ist ein relevantes Erfahrungssignal – keine wissenschaftliche 100-km-Freigabe.

Ebenso gibt es keinen Nachweis dafür, dass jeder vor einem 100-km-Marsch zwingend einen offiziellen 75-km-Marsch absolvieren muss.


Ist 75/18 also der perfekte Zwischenschritt?

Jetzt lässt sich die Ausgangsfrage sauber beantworten.

Aus Sicht von Megamarsch

Der Veranstalter bezeichnet 75 km als „perfekten Zwischenschritt“ und „idealen Test“ auf dem Weg zu 100 km. Megamarsch

Aus Sicht der Wissenschaft

Das ist derzeit nicht nachgewiesen.

Es gibt keine direkte Evidenz dafür, dass 75 km:

  • die optimale Zwischenstufe sind,
  • zwingend vor 100 km absolviert werden sollten,
  • anderen Progressionswegen überlegen sind,
  • ein späteres 100-km-Finish zuverlässig vorhersagen.

Als evidenzinformierter Praxistransfer

75 km können trotzdem sehr sinnvoll sein.

Denn sie nähern sich mehreren Anforderungen eines 100-km-Marsches stärker an als 50 km:

  • sehr lange Belastungsdauer,
  • zunehmende lokale Ermüdung,
  • längere Verpflegungsanforderungen,
  • Nachtanteil,
  • Zeitmanagement,
  • Pacing,
  • Problemlösung,
  • Regeneration.

Näher an 100 km ist aber nicht dasselbe wie wissenschaftlich ideal.

GRAFIK 4: 75 km als Zwischenschritt – gut begründbar vs. nicht wissenschaftlich belegt


Fazit: 75 km sind eine eigene Langstreckenaufgabe

Das neue Megamarsch-Format schließt organisatorisch tatsächlich die Lücke zwischen 50 und 100 Kilometern.

Aber 75 Kilometer sind nicht einfach:

„50 km plus noch ein bisschen.“

Mit zunehmender Dauer werden andere Fragen wichtiger:

Wie viel echte Zeitreserve habe ich?
Funktioniert meine Verpflegung auch nach vielen Stunden?
Bleiben Füße und Schuhe kontrollierbar?
Wie gehe ich mit Nacht und Müdigkeit um?
Was mache ich, wenn ich aussteigen muss?
Wie erhole ich mich danach?

Für jemanden mit solider 50-km-Erfahrung kann 75/18 deshalb eine sehr interessante Möglichkeit sein, bestimmte Anforderungen sehr langer Märsche unter Eventbedingungen kennenzulernen.

Wissenschaftlich sauber lautet die Antwort aber:

75 km können ein sinnvoller Zwischenschritt von 50 auf 100 km sein. Dass sie der ideale oder notwendige Zwischenschritt sind, ist nicht belegt.

Die bessere Frage lautet deshalb nicht:

„Muss ich 75 km gehen, bevor ich 100 km versuche?“

Sondern:

„Welche Anforderungen eines 100-km-Marsches kenne und vertrage ich bereits – und welche muss ich noch gezielt vorbereiten?“

75 Kilometer können darauf viele wertvolle Antworten liefern.

Sie liefern aber keine Garantie.


Empfohlene interne Verlinkungen

Ich würde im WordPress-Beitrag an passenden Stellen mindestens diese bestehenden Inhalte einbinden:

Der lange Trainingsmarsch: Wie lang muss dein Long Walk wirklich sein?
→ im Abschnitt über Spezifität und Vorbereitung.

Was essen beim Langstreckenmarsch? Kohlenhydrate, Verpflegung und typische Fehler auf 30 bis 50 Kilometern
→ im Ernährungsabschnitt.

Der beste Schuh reicht nicht: Welche Schuh-Socken-Kombi funktioniert bei 30, 42 und 50 km?
→ bei Füßen und langer Expositionszeit.

Dein erster Nachtmarsch
→ im Abschnitt Nacht und Dunkelheit.


Quellenverzeichnis

1. Megamarsch / Team Megamarsch.
Ihr habt es Euch gewünscht und hier ist er: Der 75 Kilometer Megamarsch in unter 18 Stunden! 27.08.2026. Offizielle Ankündigung des Formats, einschließlich Veranstalter-Einordnung als Zwischenstufe zwischen 50 und 100 km. Megamarsch

2. Megamarsch Ruhrgebiet 75/18.
24.–25.07.2027; 75 km in 18 Stunden; Start ab 15:00 Uhr; vier Verpflegungsstationen; Stations- und Zielplanung anhand von 4,2–6 km/h. Megamarsch

3. Megamarsch Hamburg 75/18.
07.–08.08.2027; 75 km in 18 Stunden; Start ab 15:00 Uhr; Öffnungszeiten anhand von 4,2–6 km/h. Megamarsch

4. Megamarsch Berlin 75/18.
21.–22.08.2027; 75 km in 18 Stunden; Start ab 15:00 Uhr; Öffnungszeiten anhand von 4,2–6 km/h. Megamarsch

5. Jörres M, Gunga HC, Steinach M.
Physiological Changes, Activity, and Stress During a 100-km-24-h Walking-March. Frontiers in Physiology. 2021;12:640710. DOI: 10.3389/fphys.2021.640710. PubMed

6. Reilly T, Morris T, Whyte G.
The specificity of training prescription and physiological assessment: a review. Journal of Sports Sciences. 2009;27(6):575–589. DOI: 10.1080/02640410902729741. PubMed

7. Ramos-Campo DJ, Foster C, Andreu-Caravaca L, et al.
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8. Lopes TR, Pereira HM, Bittencourt LRA, Silva BM.
How much does sleep deprivation impair endurance performance? A systematic review and meta-analysis. European Journal of Sport Science. 2023;23:1279–1292. DOI: 10.1080/17461391.2022.2155583. PubMed

9. Guilherme LQ, Rodrigues BO, Rosa COB, et al.
The Role of Sleep on Physical and Cognitive Performance of Ultra-Endurance Athletes: A Systematic Review. Journal of Clinical Medicine. 2026;15:1398. DOI: 10.3390/jcm15041398. PubMed

10. Ramos-Campo DJ, Clemente-Suárez VJ, Cupeiro R, et al.
The ergogenic effects of acute carbohydrate feeding on endurance performance: a systematic review, meta-analysis and meta-regression. Critical Reviews in Food Science and Nutrition. 2024;64:11196–11205. DOI: 10.1080/10408398.2023.2233633. PubMed

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Wilderness Medical Society Clinical Practice Guidelines for the Management of Exercise-Associated Hyponatremia: 2019 Update. Wilderness & Environmental Medicine. 2020;31:50–62. DOI: 10.1016/j.wem.2019.11.003. PubMed

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17. Physical recovery modalities in competitive and elite endurance athletes: a systematic review and network meta-analysis finding limited evidence of benefit over passive recovery. 2026. 16 randomisierte Studien, 273 Teilnehmer. PubMed


Evidenz-Transparenz

Direkte Evidenz zum Megamarsch 75/18:
Noch nicht vorhanden, da das Format erst 2027 startet.

Direkte Evidenz zu sehr langen Gehbelastungen:
Vorhanden, aber begrenzt. Untersuchungen zu 100-km-Gehbelastungen sind hilfreich, dürfen jedoch nicht eins zu eins auf 75 km übertragen werden.

Indirekte Evidenz:
Pacing-, Schlaf-, Ernährungs-, Hydrations- und Recovery-Forschung stammt überwiegend aus anderen Ausdauerdisziplinen.

Praxistransfer:
75 km können Erfahrungen mit längerer Belastungsdauer, Dunkelheit, Verpflegung, Füßen, Zeitmanagement und Recovery vermitteln. Dass dies automatisch zu einem besseren 100-km-Ergebnis führt, ist nicht nachgewiesen.

Nicht wissenschaftlich festgelegt:

  • 75 km als Pflichtdistanz vor 100 km,
  • 75 km als optimale Zwischendistanz,
  • eine universelle Gehgeschwindigkeit,
  • eine ideale Pausenformel,
  • eine universelle Kohlenhydrat- oder Trinkmenge,
  • eine Mindesttrainingsdistanz, die ein Finish garantiert,
  • eine Recovery-Methode, die für alle überlegen ist.

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