Dein erster Nachtmarsch: So bereitest du dich richtig auf die lange Nacht vor

Training, Stirnlampe, Schlaf, Tempo, Verpflegung und die wichtigsten Praxistipps für Nachtmarsch-Einsteiger

Erfahre, wie du Training, Stirnlampe, Schlaf, Tempo, Verpflegung und Ausrüstung sinnvoll vorbereitest – praxisnah, faktenbasiert und ohne unnötige Mythen.

Dein erster Nachtmarsch steht bevor?

30, 42 oder 50 Kilometer sind vielleicht gar nicht neu für dich. Aber diesmal liegt ein großer Teil der Strecke im Dunkeln.

Und plötzlich entstehen Fragen, die bei einer normalen Tagesveranstaltung kaum eine Rolle gespielt haben: Reicht meine Stirnlampe? Muss ich vorher nachts trainieren? Was mache ich, wenn ich mitten in der Nacht müde werde? Sollte ich langsamer gehen? Was esse und trinke ich? Und wie finde ich im Dunkeln überhaupt alles in meinem Rucksack wieder?

Genau darum geht es in diesem Beitrag.

Nicht um eine vermeintlich perfekte Nachtmarsch-Formel und auch nicht um starre Regeln, sondern um die Dinge, die du vor deinem ersten Nachtmarsch sinnvoll vorbereiten und ausprobieren kannst.

Für deinen ersten Nachtmarsch brauchst du kein komplett neues Trainingssystem. Aber einige Bedingungen solltest du gezielt vorbereiten.

Die körperliche Grundlage bleibt dieselbe: Du musst auf die geplante Distanz vorbereitet sein. Hinzu kommen jedoch Aspekte wie Beleuchtung, Orientierung, eingeschränkte Sichtbedingungen, Müdigkeit, Wetter und die Organisation deiner Ausrüstung.

1. Muss ich für einen Nachtmarsch anders trainieren?

Grundsätzlich nicht komplett anders, aber spezifischer.

Wenn du beispielsweise 30 Kilometer nachts gehen möchtest, brauchst du nicht plötzlich ein völlig anderes Ausdauertraining als für 30 Kilometer am Tag. Regelmäßiges Gehen, ein sinnvoller Belastungsaufbau, längere Trainingseinheiten und ausreichende Erholung bleiben die Grundlage.

Neu ist vor allem, dass du Bedingungen kennenlernst, die bei deinem bisherigen Training möglicherweise kaum eine Rolle gespielt haben.

Dazu gehört insbesondere das Gehen bei Dunkelheit.

Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass fehlende oder stark eingeschränkte visuelle Informationen das Gangmuster verändern und bei vorgegebenem Gehtempo den metabolischen Aufwand erhöhen können. In einer Laboruntersuchung gingen 15 Personen zehn Minuten mit 3,3 km/h auf einem Laufband. Ohne Sicht war die Sauerstoffaufnahme im Mittel rund 19 Prozent höher als bei voller Sicht; gleichzeitig veränderten sich unter anderem Schrittlänge, Schrittbreite und Fußhebung.

Eine weitere Untersuchung unter nächtlichen Außenbedingungen fand ebenfalls einen höheren metabolischen Aufwand, wenn die visuelle Information gegenüber dem Gehen mit Stirnlampe fehlte oder deutlich eingeschränkt war. Auch diese Untersuchung bestand jedoch aus kurzen standardisierten Gehversuchen und nicht aus mehrstündigen Nachtmärschen.

Für deinen Nachtmarsch bedeutet das ausdrücklich nicht, dass du nachts automatisch einen bestimmten Prozentsatz mehr Energie benötigst.

Der sinnvollere Praxistransfer lautet:

Trainiere nicht einfach zusätzliche Kilometer. Lerne gezielt die Bedingungen kennen, die für dich neu sind.

2. Mach vor deinem ersten Nachtmarsch einen echten Nacht-Test

Wenn du bisher fast ausschließlich bei Tageslicht trainiert hast, ist eine kontrollierte Einheit im Dunkeln sinnvoll.

Dafür musst du keinen kompletten 30-, 40- oder 50-Kilometer-Nachtmarsch simulieren. Eine bekannte und sichere Strecke eignet sich sogar besonders gut, weil du dich dort auf deine Ausrüstung und Wahrnehmung konzentrieren kannst.

Teste beispielsweise, wie gut du den Untergrund erkennst, wie sich dein gewohntes Tempo im Dunkeln anfühlt, ob deine Stirnlampe bequem sitzt, ob du ihre Einstellungen problemlos bedienen kannst, wie gut die Navigation funktioniert und ob du wichtige Dinge im Rucksack schnell findest.

Die Empfehlung zu einem solchen Nacht-Test ist Praxistransfer. Die Forschung gibt keine bestimmte Zahl, Länge oder Dauer notwendiger Nachttrainingseinheiten vor.

Das Ziel ist deshalb nicht, möglichst erschöpft nach Hause zu kommen.

Das Ziel ist, möglichst viele vermeidbare Probleme vor dem eigentlichen Nachtmarsch zu entdecken.

3. Die Stirnlampe gehört vorher getestet

Bei deinem ersten Nachtmarsch solltest du deine Stirnlampe nicht erstmals am Start unter realen Bedingungen ausprobieren.

Die maximale Helligkeit allein sagt wenig darüber aus, ob eine Lampe für mehrere Stunden Gehen gut zu dir und deiner Strecke passt.

Entscheidend ist in der Praxis vor allem, ob du den Untergrund ausreichend erkennen kannst, ob Lichtverteilung und Tragekomfort für dich funktionieren und ob die Beleuchtung über die benötigte Zeit zuverlässig zur Verfügung steht.

Die vorhandenen Gehstudien untersuchen die Bedeutung visueller Information, liefern aber keinen wissenschaftlich validierten Mindestwert in Lumen für einen Nachtmarsch. Aus ihnen lässt sich deshalb keine Regel wie „mindestens 500 Lumen“ ableiten.

Die richtige Lampe ist nicht automatisch die mit der größten Zahl auf der Verpackung. Sie muss unter deinen tatsächlichen Bedingungen funktionieren.

4. Prüfe die Akkulaufzeit für dein konkretes Modell

Auch hier lohnt sich eine möglichst präzise Formulierung.

Die angegebene maximale Helligkeit und die angegebene Laufzeit sind zwei unterschiedliche Eigenschaften einer Lampe. Welche Laufzeit für dein konkretes Modell und deine gewählte Leuchtstufe angegeben wird, solltest du deshalb in den Herstellerinformationen prüfen.

Noch wichtiger für die Praxis: Probiere die Lampe vor dem Event unter möglichst realistischen Bedingungen aus.

Wenn du erwartest, viele Stunden im Dunkeln unterwegs zu sein, solltest du vor dem Start wissen, wie dein Beleuchtungssystem geplant ist und welche Reserve du hast.

Nicht aufgrund einer pauschalen Internetregel, sondern auf Grundlage deiner Lampe und deiner erwarteten Nutzungsdauer.

5. Eine zweite Lichtquelle ist sinnvoller Praxistransfer

Eine Powerbank kann eine sinnvolle Reserve für Smartphone oder wiederaufladbare Geräte sein. Sie ist aber nicht automatisch dasselbe wie eine sofort verfügbare zweite Lichtquelle.

Fällt deine Hauptbeleuchtung auf einem dunklen Streckenabschnitt vollständig aus, musst du das Problem zunächst sicher beheben können.

Deshalb halte ich eine kleine funktionsfähige Ersatzbeleuchtung für einen sehr sinnvollen Bestandteil der Nachtmarsch-Ausrüstung.

Das ist keine durch eine Nachtmarsch-Studie vorgeschriebene Pflicht. Es ist ein praktisches Sicherheitsprinzip:

Bei einer für die sichere Fortbewegung wichtigen Ausrüstungskomponente ist eine funktionierende Reserve sinnvoll.

6. Muss ich vorher absichtlich übermüdet trainieren?

Nein. Dafür gibt es keine belastbare Grundlage als spezifische Nachtmarsch-Trainingsmethode.

Schlafentzug beeinträchtigt insbesondere die Fähigkeit, über längere Zeit aufmerksam und zuverlässig auf Reize zu reagieren. Die klassische Übersichtsarbeit von Lim und Dinges beschreibt deutliche Beeinträchtigungen der Vigilanz und des zeitgerechten Reagierens unter Schlafentzug.

Auch neuere systematische Reviews und Meta-Analysen zeigen, dass akuter Schlafmangel verschiedene sportliche Leistungsparameter beeinträchtigen kann. Die Effekte unterscheiden sich nach Art und Zeitpunkt des Schlafmangels sowie nach untersuchter Leistung.

Daraus folgt nicht, dass jede Müdigkeit während eines Nachtmarsches gefährlich ist. Es folgt aber ebenso wenig, dass absichtlicher Schlafentzug eine sinnvolle Trainingsmethode wäre.

Der Praxistransfer ist deshalb:

Dunkelheit testen: ja. Schlafmangel gezielt erzeugen: nein.

7. Geh möglichst ausgeruht an den Start

Eine Nachtveranstaltung verändert deinen üblichen Tagesablauf. Ein einheitliches Schlafrezept für alle gibt es allerdings nicht.

Das internationale Expertenkonsensuspapier zu Schlaf und Sport weist ausdrücklich darauf hin, dass einfache Einheitsvorgaben zur Schlafdauer nicht für jeden Athleten ideal sind und empfiehlt eine individualisierte Betrachtung des Schlafbedarfs.

Deshalb würde ich dir weder eine magische Acht-Stunden-Regel noch eine komplizierte „Schlafladephase“ empfehlen.

Der pragmatische Ansatz lautet: Vermeide in den Tagen vor dem Nachtmarsch möglichst unnötiges Schlafdefizit und plane den Veranstaltungstag so, dass du nicht bereits durch vermeidbare Belastungen ermüdet an den Start gehst.

Ein Tagschlaf kann für manche Menschen hilfreich sein. Die Literatur zu Naps bei Sportlern berichtet mögliche positive Effekte, ist aber kein Beleg dafür, dass jeder Nachtmarsch-Teilnehmer am Veranstaltungstag schlafen sollte.

Wenn du einen Tagschlaf aus deinem Alltag überhaupt nicht gewohnt bist, musst du ihn deshalb nicht am Veranstaltungstag erstmals erzwingen.

8. Das Tempo nachts nicht um jeden Preis verteidigen

Vielleicht kennst du aus deinem Training ziemlich genau dein übliches Marschtempo. Diese Orientierung ist sinnvoll.

Problematisch wird es erst, wenn daraus eine starre Vorgabe wird.

Die Untersuchungen zur visuellen Information zeigen, dass fehlende oder stark eingeschränkte Sicht das Gangmuster und den metabolischen Aufwand bei vorgegebenem Tempo verändern kann. Sie liefern aber keine allgemeingültige Nachtmarsch-Geschwindigkeit.

Deshalb sollte dein Tempo in der Praxis auch von Sichtbedingungen und Untergrund abhängen.

Ein breiter, gut erkennbarer Weg ist etwas anderes als ein unebener Waldweg mit Wurzeln, Schotter oder schwierig erkennbaren Hindernissen.

Passe dein Tempo an die tatsächlichen Bedingungen an – nicht ausschließlich an deine Uhr.

Aus den für diesen Beitrag ausgewerteten Untersuchungen lässt sich insbesondere keine pauschale Regel ableiten, nach der du nachts grundsätzlich zehn Prozent langsamer gehen solltest.

9. Verlasse dich bei der Navigation nicht ausschließlich auf andere

Bei einer größeren Veranstaltung ist es verlockend, einfach der Gruppe vor dir zu folgen.

Für den ersten Nachtmarsch würde ich daraus trotzdem keine Strategie machen.

Bereite dich darauf vor, die vorgesehene Navigation des jeweiligen Veranstalters selbst nutzen zu können. Wenn eine GPX-Datei oder digitale Route angeboten wird, richte sie vorher ein und prüfe, ob du damit umgehen kannst.

Der konkrete Ablauf hängt vom jeweiligen Event ab. Deshalb solltest du kurz vor dem Start immer die aktuellen Informationen des Veranstalters zur Streckenführung, Markierung, Navigation und zu möglichen Änderungen prüfen.

Der Praxistest ist einfach:

Du solltest nicht erst mitten in der Nacht lernen müssen, wie deine Navigation funktioniert.

10. Organisiere deinen Rucksack für die Nacht

Nachts wird eine schlechte Packordnung schneller lästig.

Wenn die Ersatzlampe ganz unten im Rucksack liegt und du sie erst unter mehreren Kleidungsschichten und anderen Gegenständen suchen musst, ist das vermeidbar.

Ordne deshalb Dinge, die du voraussichtlich während der Nacht benötigst, so an, dass du sie schnell erreichen kannst. Dazu können Beleuchtung, Smartphone, Energieversorgung, Regen- oder Wärmeschutz, Verpflegung und dein Material zur Versorgung kleinerer Probleme gehören.

Das ist kein wissenschaftlich standardisiertes Nachtmarsch-Protokoll, sondern konkreter Praxistransfer.

Eine hilfreiche Testfrage lautet:

Kannst du einen wichtigen Gegenstand im Dunkeln finden, ohne den halben Rucksack auszuräumen?

11. Plane nicht nur für die Bedingungen beim Start

Ein Nachtmarsch dauert mehrere Stunden. Wetter und Umgebungsbedingungen können sich während dieser Zeit verändern.

Deshalb solltest du deine Bekleidung nicht ausschließlich danach auswählen, wie sich die Bedingungen beim Start anfühlen.

Prüfe kurz vor dem Event die aktuelle Wettervorhersage für Ort und Zeitraum deiner Veranstaltung und passe die Ausrüstung daran an.

Ein flexibles Schichtsystem kann in der Praxis sinnvoll sein, weil du damit auf Veränderungen reagieren kannst. Welche Kleidung tatsächlich notwendig ist, lässt sich aber nicht pauschal für jeden Nachtmarsch festlegen.

12. Essen und Trinken: Keine magischen Nachtregeln

Aus sporternährungswissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Grund, einen Nachtmarsch als völlig eigenständige Ernährungsform zu behandeln.

Die gemeinsame Position von Academy of Nutrition and Dietetics, Dietitians of Canada und American College of Sports Medicine betont eine an Belastung und individuellen Bedarf angepasste Ernährungsstrategie.

Auch beim Flüssigkeitsmanagement sind starre Vorgaben problematisch. Das Positionspapier der Arbeitsgruppe Sporternährung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung weist darauf hin, dass Flüssigkeitsverluste unter anderem von Trainingszustand, Belastungsart, Intensität, Dauer und Umweltbedingungen abhängen. Auch Schweißraten und Elektrolytverluste unterscheiden sich zwischen Personen.

Deshalb ist eine Aussage wie „jeder Nachtwanderer muss einen Liter pro Stunde trinken“ nicht fachgerecht.

Für den ersten Nachtmarsch ist eine andere Frage viel hilfreicher:

Welche Versorgung kennst und verträgst du bereits aus deinen längeren Trainingseinheiten?

13. Keine Verpflegungsexperimente nur wegen der Nacht

Für die praktische Vorbereitung bedeutet Individualisierung auch: Dein erster Nachtmarsch ist kein guter Anlass, deine komplette bisherige Verpflegung auszutauschen.

Wenn du bei deinen langen Trainingseinheiten bereits weißt, welche Lebensmittel und Getränke du verträgst, ist diese Erfahrung wertvoll.

Neue Gels, Getränke oder andere Produkte bieten nicht automatisch einen Vorteil, nur weil sie von anderen Teilnehmern verwendet werden.

Die Empfehlung, wichtige Verpflegungsbestandteile vorher zu testen, ist Praxistransfer aus den allgemeinen Grundsätzen einer individualisierten Sporternährung und keine speziell an Nachtmarsch-Erstteilnehmern untersuchte Intervention.

14. Koffein kann wirken, ist aber keine Pflicht

Koffein ist wissenschaftlich wesentlich besser untersucht als viele andere vermeintliche Leistungshelfer.

Das Positionspapier der International Society of Sports Nutrition kommt zu dem Ergebnis, dass Koffein verschiedene körperliche Leistungsparameter verbessern kann und insbesondere für Ausdauerbelastungen eine breite Evidenzbasis existiert. Gleichzeitig unterscheiden sich die Reaktionen zwischen Personen. Koffein kann auch Aufmerksamkeit und Vigilanz beeinflussen und bei manchen Menschen unter Schlafmangel kognitive oder körperliche Leistung verbessern.

Das bedeutet trotzdem nicht:

„Für einen Nachtmarsch brauchst du Koffein.“

Das gleiche Positionspapier weist auf mögliche unerwünschte Effekte hin, insbesondere Schlafstörungen und Angst beziehungsweise Unruhe; höhere Dosierungen gehen häufiger mit Nebenwirkungen einher.

Wer Koffein einsetzen möchte, sollte deshalb seine persönliche Reaktion bereits kennen.

Koffein kann eine Strategie sein. Es ist keine Voraussetzung für einen erfolgreichen Nachtmarsch und ersetzt keinen Schlaf.

15. Was machst du, wenn nachts das erste richtige Tief kommt?

Bei einem langen Marsch können Phasen auftreten, in denen sich die Aufgabe plötzlich deutlich schwieriger anfühlt.

Dann muss nicht sofort die gesamte verbleibende Distanz im Mittelpunkt stehen.

Für viele Menschen ist es praktisch hilfreicher, die Restaufgabe in überschaubare Abschnitte zu teilen: bis zum nächsten Kontrollpunkt, zur nächsten Verpflegungsstelle oder zu einem anderen klar definierten Zwischenziel.

Das ist eine mentale Praxistechnik und wird hier nicht als spezifisch wissenschaftlich validiertes Nachtmarsch-Protokoll dargestellt.

Wichtig ist zugleich, ein Motivations- oder Leistungstief nicht automatisch mit einer Situation gleichzusetzen, in der sichere Fortbewegung nicht mehr gewährleistet ist.

16. Wenn Müdigkeit die sichere Fortbewegung beeinträchtigt

Nach mehreren Stunden müde Beine zu haben, ist etwas anderes als eine Müdigkeit, bei der Aufmerksamkeit, Orientierung oder sichere Bewegung deutlich beeinträchtigt sind.

Dass Schlafmangel und starke Müdigkeit Vigilanz, Reaktionsfähigkeit und verschiedene Leistungsparameter beeinträchtigen können, ist gut dokumentiert.

Wenn du deshalb wiederholt stolperst, deutliche Schwierigkeiten mit Orientierung oder Aufmerksamkeit bekommst oder das sichere Weitergehen infrage steht, sollte das ursprüngliche Tempo nicht um jeden Preis verteidigt werden.

Tempo reduzieren, Situation neu beurteilen und gegebenenfalls eine sichere Ausstiegsmöglichkeit nutzen, ist dann der vernünftige Praxistransfer.

Finishen ist ein schönes Ziel. Sicher finishen ist das wichtigere Ziel.

17. Die zehn häufigsten vermeidbaren Fehler beim ersten Nachtmarsch

Fehler 1: Die Stirnlampe erstmals beim Event richtig testen

Teste Beleuchtung, Sitz und Bedienung vorher im Dunkeln.

Fehler 2: Nur auf die maximale Lumenzahl achten

Aus der wissenschaftlichen Literatur lässt sich keine allgemeingültige optimale Lumenzahl für Nachtmärsche ableiten.

Fehler 3: Keine funktionierende Lichtreserve einplanen

Die zweite Lichtquelle ist Praxistransfer und keine wissenschaftlich vorgeschriebene Mindestanforderung.

Fehler 4: Sich ausschließlich auf eine theoretische Laufzeitangabe verlassen

Prüfe die Angaben für dein konkretes Modell und teste deine geplante Nutzung vor dem Event.

Fehler 5: Das Tageslichtt­empo unter allen Bedingungen erzwingen

Aus den ausgewerteten Studien ergibt sich keine feste Prozentregel für die Temporeduktion bei Nacht.

Fehler 6: Die komplette Verpflegungsstrategie kurzfristig verändern

Nutze möglichst bekannte und verträgliche Lösungen. Die wissenschaftliche Sporternährung betont individualisierte Strategien.

Fehler 7: Absichtlich mit Schlafdefizit starten

Schlafentzug als Nachtmarsch-Training ist nicht belegt; negative Auswirkungen von Schlafmangel auf Aufmerksamkeit und verschiedene Leistungsparameter dagegen schon.

Fehler 8: Navigation vollständig anderen überlassen

Mach dich vorher mit der für deine Veranstaltung vorgesehenen Navigation vertraut.

Fehler 9: Wichtige Ausrüstung schlecht erreichbar verstauen

Teste deine Packordnung einmal unter realen Nachtbedingungen.

Fehler 10: Glauben, du müsstest den gesamten Nachtmarsch vorher simulieren

Es gibt keine wissenschaftlich abgesicherte Zahl oder Mindestdauer notwendiger Nachttrainingseinheiten. Ein gezielter Systemtest ist deshalb ein sinnvoller Praxistransfer, keine starre Trainingsvorschrift.

Deine 24-Stunden-Checkliste für den ersten Nachtmarsch

Kurz vor dem Start sollte nicht mehr möglichst viel verändert, sondern vor allem geprüft werden:

  • Hauptbeleuchtung funktionsfähig und entsprechend dem eigenen Nutzungsplan vorbereitet
  • Ersatzbeleuchtung funktionsfähig
  • Herstellerangaben zur benötigten Laufzeit beziehungsweise Energieversorgung geprüft
  • Smartphone und gegebenenfalls Powerbank vorbereitet
  • Navigation beziehungsweise GPX-Daten eingerichtet und getestet
  • aktuelle Veranstalterinformationen zur Strecke geprüft
  • Schuhe und Socken bereits erprobt
  • Rucksack so organisiert, dass wichtige Gegenstände erreichbar sind
  • aktuelle Wettervorhersage geprüft und Bekleidung entsprechend angepasst
  • vertraute Verpflegung eingeplant
  • Flüssigkeitsstrategie an persönliche Erfahrung und erwartete Bedingungen angepasst
  • keine unnötigen neuen Produkte oder Strategien eingeplant
  • Koffein nur dann eingeplant, wenn der persönliche Umgang damit bekannt ist
  • möglichst kein unnötiges Schlafdefizit aus den Tagen davor
  • keine ungewohnte harte Belastung unmittelbar vor dem Event

Der letzte Praxistest vor deinem Nachtmarsch

Wenn du vor dem Event noch eine Trainingsmöglichkeit hast, muss daraus nicht zwangsläufig eine weitere lange Distanz werden.

Für einen Erstteilnehmer kann ein gezielter Systemcheck besonders wertvoll sein.

Nimm dabei möglichst die geplante Ausrüstung mit und prüfe das Zusammenspiel von Beleuchtung, Rucksack, Navigation, Kleidung, Verpflegung und Technik im Dunkeln.

Danach reichen fünf Fragen:

Was hat funktioniert? Was hat gestört? Was habe ich schlecht gefunden? Was war unnötig? Was muss ich vor dem Start noch ändern?

Damit wird Training zu dem, was es sein sollte: Vorbereitung auf vorhersehbare Anforderungen und nicht bloß das Sammeln weiterer Kilometer.

Was ist wissenschaftlich belegt – und was ist Praxistransfer?

Diese Unterscheidung ist für diesen Beitrag besonders wichtig.

Die direkte wissenschaftliche Forschung speziell zu mehrstündigen Freizeit-Nachtmärschen über 30, 42, 50 oder 100 Kilometer ist begrenzt.

Direkt untersucht wurde unter anderem, wie sich fehlende oder stark eingeschränkte visuelle Information auf Gangmuster und metabolischen Aufwand auswirkt. Diese Studien verwendeten kleine Stichproben und kurze standardisierte Gehbelastungen. Ihre Ergebnisse dürfen deshalb nicht einfach auf einen mehrstündigen Nachtmarsch hochgerechnet werden.

Sehr viel breiter ist die Evidenz zu Schlafmangel. Systematische Reviews und Meta-Analysen zeigen negative Effekte auf verschiedene körperliche Leistungsparameter; die Forschung zur Vigilanz zeigt außerdem Beeinträchtigungen der anhaltenden Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit.

Für Ernährung und Flüssigkeitsmanagement existieren wissenschaftliche Positionspapiere, die gerade die individuelle Anpassung betonen. Koffein ist ebenfalls umfangreich untersucht, wirkt aber nicht bei allen Menschen identisch und ist mit möglichen Nebenwirkungen verbunden.

Andere Empfehlungen dieses Artikels – etwa eine zweite Lampe, die Organisation des Rucksacks, ein vorheriger Nacht-Test oder das Einrichten der Navigation – sind bewusst als faktenbasierter Praxistransfer zu verstehen.

Deshalb findest du hier keine Scheingenauigkeit.

Keine erfundene Mindestzahl an Lumen.

Keine vorgeschriebene Anzahl an Nachttrainingseinheiten.

Keine pauschale Regel, nachts einen festen Prozentsatz langsamer zu gehen.

Keine Verpflichtung, Koffein zu verwenden.

Fazit: Dein erster Nachtmarsch muss kein Sprung ins Ungewisse sein

Für deinen ersten Nachtmarsch brauchst du kein völlig neues Trainingssystem.

Die grundlegende körperliche Vorbereitung bleibt dieselbe. Neu sind vor allem einige Rahmenbedingungen: Dunkelheit, Beleuchtung, Orientierung, Müdigkeit und die Organisation deiner Ausrüstung.

Genau diese Punkte kannst du vorbereiten.

Trainiere nicht einfach mehr – trainiere spezifischer.

Lerne das Gehen im Dunkeln vorher unter kontrollierten Bedingungen kennen. Teste deine Beleuchtung. Plane eine funktionierende Reserve. Bereite die Navigation vor. Organisiere deinen Rucksack sinnvoll. Nutze vertraute Verpflegung. Vermeide unnötiges Schlafdefizit. Und passe dein Tempo an die Bedingungen an, die tatsächlich vor dir liegen.

Dann wird aus einer zunächst unbekannten Situation eine Herausforderung, auf die du dich strukturiert vorbereitet hast.

Ein Trainingsplan ist ein Werkzeug – kein Gesetz.

Quellen und weiterführende Literatur

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Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und Trainingsorientierung. Er stellt keine medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung dar und ersetzt keine individuelle Untersuchung oder Beratung durch einen Arzt oder eine andere entsprechend qualifizierte medizinische Fachperson.

Die dargestellten Empfehlungen beziehen sich auf Training, Belastungssteuerung und praktische Vorbereitung auf einen Nachtmarsch. Sie müssen an den individuellen Trainingszustand, die persönlichen Voraussetzungen sowie die konkreten Strecken-, Wetter- und Veranstaltungsbedingungen angepasst werden.

Bei bestehenden Erkrankungen, gesundheitlichen Beschwerden, ungewöhnlichen Symptomen oder Unsicherheit über die eigene Belastbarkeit sollte vor Aufnahme beziehungsweise Fortsetzung des Trainings oder der Teilnahme an einer Langstreckenveranstaltung eine medizinische Abklärung erfolgen.

Während Training und Veranstaltung gilt: Treten Beschwerden auf, die ein sicheres Weitergehen infrage stellen, sollte die Belastung reduziert beziehungsweise beendet und bei Bedarf medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.

Die Umsetzung der allgemeinen Informationen und Praxistipps erfolgt eigenverantwortlich und ersetzt keine individuelle Trainings- oder medizinische Beurteilung.

Marcus Kulp – Marschhelfer Coaching

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